Verbundenheit und die Illusion von Trennung


Der Mensch, ein soziales Wesen

Die Corona-bedingten Ausgangsbeschränkungen haben den Schutz von Dir und mir zum Ziel. Das rufe ich mir immer ins Gedächtnis, wenn ich das Gefühl habe, getrennt und abgeschottet zu sein von Menschen, die mir wichtig sind. Wir Menschen sind soziale Wesen und das wird uns in Zeiten, in denen wir nicht zusammensein können, besonders bewusst. Uns fehlt Nähe zueinander. Dieser Mangel ist unterschiedlich ausgeprägt und reicht von kaum wahrnehmbar bis hin zu Einsamkeit und Verzweiflung.

Was mir sehr hilft, ist ein Text über Verbundenheit, den der buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh geschrieben hat:

Warum Trennung eine Illusion ist

Aktuell machen wir die Erfahrung des Getrenntseins. Der Text zeigt auf, dass in Wahrheit alles miteinander verbunden ist, nichts existiert ohne das andere. So ist es auch mit uns Menschen. Selbst wenn wir heute nicht mit unseren Lieben zusammensein können, sind wir durch unsere Gedanken, gemeinsamen Erlebnisse, Erinnerungen und alles, was wir aneinander schätzen, miteinander verbunden. Trennung ist eine Illusion.

Der Text mag im ersten Moment etwas abstrakt sein. Lies ihn langsam und mehr als einmal, lasse ihn auf Dich wirken. Vielleicht begreift der Geist nicht sofort, doch der Text berührt das Herz. Beobachte, was Du beim Lesen fühlst…

Seht die Wolke, die in diesem Stück Papier schwebt. Wenn Ihr genau hinschaut, werdet Ihr sie sehen können. Ohne die Wolke wird kein Regen sein; ohne Regen können die Bäume nicht wachsen, und ohne Bäume können wir kein Papier herstellen. Für die Existenz des Papieres ist die Wolke wesentlich. Wenn die Wolke nicht ist, kann auch das Stück Papier nicht sein. Wir können also sagen, dass die Wolke und das Papier einander bedingen und durchdringen.

Betrachten wir dieses Stück Papier näher, so können wir auch den Sonnenschein darin sehen. Ist der Sonnenschein nicht da, kann der Wald nicht wachsen. Tatsächlich kann nichts wachsen. Und so wissen wir, dass auch der Sonnenschein in diesem Papier ist, und dass sie sich wechselseitig bedingen und durchdringen. Und wenn wir weiter hinschauen, so sehen wir den Holzfäller, der den Baum fällt und ihn zur Mühle bringt, damit aus dem Baum Papier werden kann. Und wir sehen den Weizen.

Wir wissen, dass der Holzfäller ohne sein tägliches Brot nicht leben kann, und daher ist der Weizen, der zu seinem Brot wurde, auch in diesem Stück Papier; ebenso wie die Mutter und der Vater des Holzfällers es sind. Betrachten wir es in dieser Weise, so sehen wir, dass das Stück Papier ohne all diese Dinge nicht existieren kann.

Schauen wir noch genauer hin, so sehen wir auch uns darin. Das ist nicht schwer zu verstehen, denn wenn wir ein Stück Papier betrachten, so ist es Teil unserer Wahrnehmung. Euer Geist ist ebenso darin wie der meine. Daher können wir sagen, dass alles in diesem Stück Papier enthalten ist. Ihr könnt nichts herausgreifen, was nicht darin ist – Zeit, Raum, die Erde, der Regen, die Mineralien der Erde, der Sonnenschein, die Wolke, der Fluss, die Hitze. Alles existiert gleichzeitig in diesem Stück Papier. Das Stück Papier ist, weil alles andere ist.

Angenommen, wir versuchen, eines der Elemente zu seinem Ursprung zurückzuführen, z.B. führen wir den Sonnenschein zurück zur Sonne. Glaubt ihr, dass das Stück Papier dann noch möglich wird? Nein, denn ohne Sonnenschein kann nichts sein. Und führen wir den Holzfäller zurück zu seiner Mutter, so haben wir ebenfalls kein Stück Papier mehr. Tatsächlich besteht dieses Stück Papier nur aus »Nicht-Papier- Elementen«. Und wenn wir diese Nicht-Papier-Elemente zurück zu ihren Ursprüngen führen, gibt es überhaupt kein Papier mehr. Ohne Nicht-Papier-Elemente wie Geist, Holzfäller, Sonnenschein usw. wird kein Papier möglich sein. So dünn dieses Stück Papier auch ist, es enthält das ganze Universum in sich.

Verbindung ist mehr als die physische Berührung

Vielleicht vermissen wir heute einen lieben Menschen. Wir fassen das, was uns miteinander verbindet, als „Beziehung“ zusammen – so wie das Blatt Papier. Und doch besteht diese Beziehung aus vielschichtigen Faktoren, die weit über das Physische hinausgeht.

Wir können uns diese liebe Person in allen Details vorstellen, wie sie vor uns steht, glücklich lächelt und wie wir bald wieder zusammensein werden. Wir können uns überlegen, wie es sich anfühlen wird, wenn wir diese Person wieder umarmen können. Oder wenn wir heute etwas Schönes sehen, denken wir daran, dass das dieser Person auch gefallen würde. Vielleicht eine besonders schöne Tulpe im Garten, richtig guter Kaffee am Morgen oder die Katze, die schnurrend unterm Apfelbaum liegt.

Eine liebevolle Beziehung zu einem anderen Menschen wächst mit wohlwollenden Gedanken, mit Deinem Lächeln, wenn Du an diese Person denkst. Das alles fließt in die Beziehung zu dieser Person. Egal, ob Ihr physisch zusammen seid oder nicht, mit jedem Gedanken sind Ihr Euch nahe.
 

In diesem Sinne wünsche ich Dir heute viele Gedanken an alle Menschen, die Dir lieb sind. Damit webst Du ein Netz von Wohlwollen und Liebe, unsichtbar und doch präsent und von Herzen. Und genau das brauchen wir in Zeiten wie diesen. Alles ist Energie, und mit Herzensenergie stärken wir die ganze Welt.

Achtsamkeit und MeditationKlang und SchwingungSelbstfürsorge

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